Montag, 7. Oktober 2013

Offen und ehrlich

Ich habe viel und lange überlegt ... ob ich es mache ... wann ich es mache ... und wie ich es mache. Letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich es mache - und zwar offen und ehrlich. (VORSICHT, das wird ein etwas längerer Post ohne Bilder ...)

Ihr habt ja mitbekommen, dass es in den letzten Wochen und Monaten auf diesem Blog ziemlich chaotisch zuging, dass ich eher weniger als mehr gepostet habe und auch bei Euch nicht mehr viel kommentiert habe ... das hat alles einen Grund. Einen Grund, der mich einen Tag nach Eules Geburtstag Anfang Juni eiskalt überrollt hat ... ohne (für mich ersichtliche) großartige Vorankündigungen (im Nachhinein betrachtet waren es eine ganze Palette, aber ich habe sie einfach nicht so wahrgenommen). Lange Rede kurzer Sinn: Ich bin krank. Einen Tag nach Eules Geburtstag bin ich hier morgens vor dem Kindergarten (die Terrorkrümel waren zum Glück schon abgegeben) emotional zusammengebrochen und es ging gar nichts mehr. Zuerst dachte ich "Ah, der Klassiker Burn Out hat dich ereilt" ... Ich hatte das Gefühl, ich kriege gar nichts mehr auf die Reihe. An diesem Morgen bin ich vollautomatisch wieder nach Hause anstatt zur Arbeit gefahren, aus dem Auto gestiegen und habe mich dann neben den Lieblingsmann gesetzt (der netterweise etwas später dran war) und habe geheult. Ich konnte nicht zur Arbeit ... ich konnte eigentlich gar nichts mehr. Er hat mich in den Arm genommen und nur gesagt "Schluss jetzt, Du gehst zum Arzt! Das geht so nicht!"

Also bin ich los, habe mir einen Termin geholt und mein Arzt hat mich für ein paar Tage aus dem Verkehr gezogen. Dienstag ist es passiert, bis Donnerstag sollte ich zu Hause bleiben und Freitag probieren, ob das mit Arbeiten wieder klappt und wie es sich dann so anfühlt. Gut, dachte ich, spann halt mal aus. Er hat mir noch aufgetragen, dass ich bitte nur Sachen machen soll in den Tagen, aus denen ich Energie ziehen kann und die mich glücklich machen. Ich sollte bewusst den Haushalt links liegen lassen und mich meinen Hobbies und liebsten Dingen widmen (zu dem Zeitpunkt wurde mir auch bewusst, dass da nicht mehr wirklich viel war, denn durch Arbeiten und zwei Kinder blieb alles andere leider immer mehr auf der Strecke). Mittwoch ging es mir richtig gut damit. Ich war Stoff kaufen, habe mich vormittags hingesetzt und eine Tasche für mich genäht und war damit glücklich und zufrieden. Aber Donnerstag musste ich schon den ganzen Tag an Freitag denken, den Stress zu Hause, bevor es in den KiGa geht und vor allem den Stress auf der Arbeit, den mir mein Chef seit Monaten gemacht hatte - und damit war der Donnerstag gelaufen. Magenkrämpfe ohne Ende ... dann nochmal zum Arzt. Eine Woche später wollten wir ja nach Dänemark gefahren und ich habe dann mit dem Doc ausgehandelt, dass ich bis dahin nicht mehr arbeiten gehen will, weil ich es psychisch einfach nicht durchstehe ... außerdem hatte ich in den Tagen gaaaanz tief in mich reingehört und festgestellt, dass ich auf jeden Fall Hilfe brauche. Und so habe ich mir einen Psychologen gesucht und mir eine Überweisung geben lassen. Der erste Termin stand für Anfang Juli an.

Dann sind wir erstmal zwei Wochen nach Dänemark. Den Freitag vor der Abfahrt hatte ich auf eigenen Wunsch noch ein Gespräch auf der Arbeit, allerdings nicht mit meinem direkten Chef (mit dem ich auch noch ein Büro geteilt habe), sondern mit dem Vorgesetzten eine Stufe höher. Bei ihm wusste ich auch, dass ich meine momentane Verfassung ansprechen kann und ernst genommen werde. So habe ich ihm alles geschildert, auch die immensen Probleme mit meinem Chef und wir haben zusammen eine Lösung gesucht. Die stand dann auch schnell fest: Aufhebungsvertrag. Mein Arbeitgeber hat mich bis Ende September bezahlt und "beschäftigt", allerdings von der Arbeit freigestellt. Sie wollten eigentlich auch nicht, dass ich gehe, da alle mit meiner Arbeit zufrieden waren. Aber für das Problem mit meinem direkten Chef konnte oder wollte halt auch keiner eine Lösung finden. Egal, ich konnte jedenfalls relativ entspannt nach Dänemark und es tat sooooo gut, einfach mal raus aus dem ganzen Chaos zu kommen. Ich habe zwei Wochen abgeschaltet und wirklich alles hier gelassen! Herrlich!

Als wir dann wieder da waren, stand der Termin beim Psychologen an. Und ich hatte so viel Glück, denn die Chemie stimmte und ich habe mich auf Anhieb wohlgefühlt ... und dann kam die Diagnose: Kein Burn Out, sondern eine Depression!

Ja, so sieht es aus. Eine Depression. Gott sei Dank in einer Form, in der nicht medikamentös behandelt werden muss. Aber sie ist da ... und ich bekomme sie immer wieder ganz unverhofft ganz klar und deutlich zu spüren. An manchen Tagen sitze ich hier und denke: Ey, ist doch alles super! Dir geht es gut, du könntest Bäume ausreißen und sitzt hier faul rum. Und dann gibt es die anderen Tage, an denen ich kaum aus dem Bett komme und denke, dass ich gar nichts auf die Reihe kriege ...

Ganz wichtig ist für mich momentan, dass ich Dinge tue, die mich glücklich machen, einen Weg für mein Leben finde, der mich glücklich macht und ausfüllt. Diesen Weg kannte ich schon eine ganze Zeit lang, aber ich hatte immer Angst, ihn wirklich konsequent einzuschlagen. Nun habe ich es endlich getan ... und es hat mich wieder ein ganzes Stück weiter gebracht ... Durch die letzten Wochen und Monate habe ich festgestellt, dass ich ganz tief in meinem Herzen eine klassische Hausfrau und Mutter bin. Ich habe nicht den Drang und Wunsch, arbeiten zu gehen ... das habe ich die letzten Jahre (seit die Kinder da sind) nur getan, weil es (finanziell) notwendig war. Eigentlich wäre ich viel lieber bei den Kindern geblieben. Beide habe ich mit einem Jahr in die Krippe bzw. zur Tagesmutter gegeben ... aber ich wäre so viel lieber bei ihnen geblieben. Jetzt habe ich die Möglichkeit, für sie da zu sein ... gerade mit dem Schulstart der Eule finde ich das momentan genial. Ich bin da, ich mache mit ihr die Hausaufgaben und sie kann sich bei mir absabbeln ... das ist mein persönlicher Glücksweg! Ich gehe voll in dieser Rolle auf und merke einfach, wie gut mir das tut.

Jetzt gibt es natürlich noch ein paar "Baustellen", die ich aber mit Hilfe meines Psycho-Docs (wie ich ihn liebevoll nenne) angehe ...

Ihr seht und wisst wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung: Das Leben hält viele Überraschungen bereit ... leider sind es nicht immer die netten! Aber eigentlich bin ich ganz froh, dass es so gekommen ist im Sommer ... wer weiß, wie schlimm es gewesen wäre, wenn ich mein altes Leben weiter durchgezogen hätte?! Ich stelle mir auch heute noch ganz oft die Frage, warum ich nicht in der Lage war, das zu meistern, wie so viele andere Frauen?! ... aber auch davon muss ich mich wohl frei machen. Wir sind halt alle unterschiedlich ... und ich weiß ganz genau, dass es viele da draußen gibt, denen es genau so geht wie mir ... die eigentlich auch viel zu gestresst von dem Model "Arbeit und Familie" sind ... es gibt viele, die das ehrlich zugeben, aber auch noch genug, die sich hinstellen und sagen, alles wäre super und easy und entspannt ... auch in meinem Freundeskreis.

Ja, Ihr Lieben, so sieht das aus! Wenn es hier also mal wieder Phasen geben sollte, in denen ich nicht so viel von mir gebe, müsst Ihr Euch nicht wundern ... wahrscheinlich bin ich dann zu sehr damit beschäftigt, glücklich zu werden! ;)

Ihr habt es geschafft ... Ihr seid durch den ellenlangen Post durch ... Danke für Eure Verständnis ... vor allem aber danke ich meiner Familie und meinen lieben Freunden dafür, dass sie mich so nehmen, wie ich bin - mit allen Ecken und kannten - und dass sie immer für mich da sind! ♥


Eure Julia

P.S.: Keine Angst, dass mutiert hier nicht zum Psycho-Blog. Ich werde weiterhin viel über Nähen, Basteln und Familie posten und berichten ... :)

Kommentare:

  1. Liebe Julia,
    wie heißt es so schön, Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung ... und diesen schwierigen Schritt hast du ja bereits gemeistert!
    Weiterhin alles Gute und dass du bald wieder ganz gesund bist! :-)
    lg
    susanne & rosita

    AntwortenLöschen
  2. ich find dein post sehr mutig und es tut gut zu sagen was los ist! hilfe annehmen fällt manchmal schwer, aber meistens geht es ohne einfach nicht! fühl dich mal ganz lieb umarmt und alles liebe weiterhin!
    ganz liebe grüße,
    andrea

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Julia,
    Chapeau, dass du so offen über deine Situation schreibst. Und deine Analyse mit allen Konsequenzen kann ich nachvollziehen. Ich bin so ein Mensch, der immer viel geändert hat, wenn es für mich nicht mehr aushaltbar war (was für mich als beamtete Lehrerin allerdings beruflich recht einfach war ). Eine Karriere ist das so nicht geworden;-). Aber inzwischen weiß ich, dass das nicht meine Sache war. Zur Zeit denke ich anlässlich eines folgenreichen Unfalls darüber nach, ob es doch ein Wink ist, mit meinem Berufsleben abzuschließen, mit dem ich unter den inzwischen herrschenden Vorstellungen & Vorschriften recht unglücklich bin.
    Ich wünsche dir, dass du deinen Weg findest &'aus dem schwarzen Loch kommst.
    Herzlichst
    Astrid

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Julia,

    als ich deinen Post gelesen habe, habe ich zeitweise gedacht, du schreibst über mich. Ich habe ebenfalls im letzten Jahr einen Aufhebungsvertrag unterschreiben, nach viel Stress mit der Chefin. Ich hatte allerdings schon jahrelang depressive Phasen und habe auch schon Medikamente genommen.
    Gut, dass du schnell erkannt hast, was Sache ist und vor allem auch die Konsequenzen gezogen hast. Das hätte ich auch viel früher machen sollen, denn jetzt geht es mir gut. Und das es finanziell etwas knapper ist, nehme ich dafür gerne in Kauf. Glück kann man eh nicht kaufen, das ist sowieso umsonst :-)
    Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Erholung. Setz dich nicht unter Druck, es wird eine ganze Weile dauern bis du wieder "die Alte" bist. Das braucht Zeit und die hast du jetzt zum Glück ja.
    Liebe Grüße und Gute Besserung! Tabea

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Julia,

    ich wünsch Dir weiterhin alles Gute ;-).

    Glg

    Sandra
    von den felinchens

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Julia,

    ich habe dir ja schon im Sommer was dazu geschrieben. Hier nur nochmal soviel: Dass du das hier veröffentlichst, obwohl du eigentlich vorrangig einen Nähblog betreibst finde ich zum einen sehr mutig und zum anderen sicherlich auch sehr sehr hilfreich für alle anderen, denen es genauso geht. Weil sie nämlich sehen, dass sie nicht alleine sind, die eine Depression haben oder einfach nicht glücklich sind mit dem, was sie tun! Ich bin selbst schon ziemlich lange aus meinem Beruf raus und müsste im Januar (mal wieder) anfangen. Und ich bin unglücklich damit! Ich liebe es, Hausfrau und Mutter zu sein. Und vonwegen "nur"... Ich habe mich noch nicht endgültig entscheiden, denn natürlich wird das Geld hier gebraucht, mein Lädchen wirft leider nicht genug ab. Ich drücke dich herzlich und wünsche dir viele glückliche und zufriedene Tage - viel Zeit mit deinen beiden Kindern und Freude an dem, was du tust. Zum Beispiel viele wunderschöne Pullover nähen :)

    Liebe Grüße,
    Manu.

    AntwortenLöschen
  7. Ach, und weißt du, wofür das letztendlich noch gut ist, dass du das öffentlich schreibst? Für dich!! Weil du nämlich viele positive Kommentare dazu bekommen wirst!!!

    AntwortenLöschen
  8. Hallo meine Liebe,
    ich bewundere deine offene und ehrliche Art und Weise. Es ist bewunderswert!
    Ich hoffe du findest einen Mittelweg zwischen dem Bäume ausreißen und im Bett liegen bleiben wollen.
    Du bist und bleibst eine starke Frau und wenn dir das Mutti-Haushalt-Ehefrau-Dasein zuviel wird dann zieh dich rechtzeitig zurück , zb ans Nähmaschinchen.
    Ich drück dich ganz doll aus der Ferne,
    Christin

    AntwortenLöschen
  9. Auch ich ziehe den Hut vor diesem schritt und ich glaube allein das hilft schon, aber Du wirst sehen wie viele Menschen das gleiche Problem haben...und auch das tut gut!
    Ich drücke Dir die Daumen, dass es besser wird!
    Vlg
    Maren

    AntwortenLöschen
  10. Liebe Julia,
    viele Menschen mit Depressionen wollen sich selbst und ganz besonders ihrem Umfeld nicht eingestehen, dass sie eine Depression haben, dass sie krank sind und (professionelle) Hilfe benötigen! Von daher hast Du schon einen riesen Schritt gemacht, es Dir selbst einzugestehen und auch hier öffentlich zu posten! Du gehst offen und ehrlich damit um und das kann nur gut sein!
    Ich wünsche Dir für Deinen neuen Weg alles Gute und Gottes Segen, auf dass Du wieder völlig gesund und glücklich wirst!
    Und da J. immer ein offenes Ohr für Dich hat lasst ruhig wieder den Telefonhörer glühen! ;-)
    Aber jetzt sehen wir uns ja hoffentlich erstmal am Samstag!
    GLG Andy

    AntwortenLöschen
  11. Hallo Julia!
    Ich habe Deinen Post schon gestern Abend gelesen und bin immer noch berührt.
    Mir ging es vor der Geburt unseres Sohnes ganz genau so wie Dir. ...nur bin ich in der Firma zusammengebrochen...
    Es war ein weiter Weg, bis ich wieder Kraft hatte, etwas Neues zu beginnen. ...und so bin ich dann zum Nähen gekommen.
    Auch ich bin "NUR" Hausfrau und Mutter "NUR" eines Kindes, aber langweilig wird es hier nie.
    Ich wünsche mir manchmal, dass auch das alte Rollenmodell mehr Akzetanz finden würde.
    Dir, liebe Julia, wünsche ich ganz viel Kraft! Du wirst Deinen Weg finden!
    Liebe Grüße!
    Nicole

    AntwortenLöschen
  12. Find ich gut, dass du so ehrlich geschrieben hast. Ich denke, viele die sagen, Kinder und Arbeit schaffe ich doch locker, sind die nächsten denen es genauso geht wie dir. Die merken nämlich nicht, dass sie sich überarbeiten und dann kommt der Absturz. Du schreibst, es ist kein Burn out, sondern eine Depression... dann ist es aber doch burn out. Denn durch dein burn out kommt ja die Depression. Burn out ist ein Oberbegriff für viele Krankheitsbilder. Da kam erst gestern eine super Sendung darüber. Dort wurde auch gesagt, dass man bei sowas auf alle Fälle seine Hormone checken lassen sollte. Wenn damit etwas nicht stimmt, ist man nicht mehr so belastbar und bekommt schneller einen burnout und diese Überlastung kann sich in verschiedenen Krankheiten, aber meisstens einer Depression äußern. Ich schau mal wie die Sendung hieß, dann kannst du das in der Mediathek noch nachträglich anschauen.
    Ich wünsche dir viel Kraft.
    Liebe Grüße, Corina

    AntwortenLöschen

Wenn Du magst, darfst Du gerne was schreiben ... ich freu mich drüber! ♥